| Mein Großvater Wilhelm Sprengel wurde zu Kaisers Zeiten
als Sohn von Heinrich Wilhelm Sprengel und Sophie Emma geb. Kohne am
23.09.1881 auf Cassens Hof in Elze geboren. Am 28. März 1896 wurde er vom
Lehrer G. Lampe aus der Elzer Dorfschule entlassen. Als der Sohn um die Jahrhundertwende zum Militärdienst musste, waren
die Eltern immer noch Anhänger des verlorengegangenen Königreichs
Hannover. Der "Hornist Gefreite" Sprengel jedoch wurde bald
kaiserlicher Patriot. Immer wieder berichtete er mir begeistert von seiner
Einberufung als Reservist zum Kaisermanöver 1906. Zum Ersten Weltkrieg
wurde er dann nicht mehr einberufen, weil er auf dem elterlichen Hof
unabkömmlich war.
Als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Elze ist er auf dem ältesten
Gruppenbild von 1902 mit seinem Horn unter den Spielmannzug Leuten zu
sehen. Da es noch keine Elektrizität und somit keine Sirenen gab, fuhr er
immer bei Feueralarm mit dem Fahrrad und seinem Horn durchs Dorf und blies
Alarm. Als 1921 dann endlich elektrischer Strom nach Elze kam, wurde
einige Jahre später die erste Sirene auf einem Transformator in der
Bruchstraße gegenüber Reichenbachs montiert. Der Schalter zum Alarmauslösen befand sich
selbstverständlich in Sprengels Stube.
Der Hof war nicht groß genug, um zwei Generationen satt zu füttern,
daher suchte sich Wilhelm einen Nebendienst bei der Lohndrescherei Bruns
hier in Elze.
Bis nach Bremen fuhren sie zum Dreschen. Jede verdiente Mark steckte er in
den Betrieb indem er unter anderem immer wieder Land hinzukaufte.
Am 20.04.1922 heiratete er Sina Frieda Vortmüller, Tochter des
Maurermeisters Wilhelm August Vortmüller und seiner Ehefrau Wilhelmine.
Die einzige Tochter Elfriede wurde am 05.05.1923 geboren. Der
Maurermeister überwachte dann 1933 als Rentner den Neubau des Wohnhauses
in der Hohenheider Str. 4
Wilhelm Sprengel muss wohl ein angesehener Elzer Bürger gewesen sein,
als er 1933 demokratisch zum
Bürgermeister von Elze gewählt wurde, nachdem er schon seit 1919
Mitglied des Gemeinde - Ausschusses und später Gemeinde -
Rechnungsführer
war. Nach der Machtergreifung Hitlers
traten die neuen "Gaufunktionäre" bald an ihn heran und
eröffneten ihm, dass er in die NSDAP eintreten müsse, um sein Amt als
Bürgermeister weiter ausüben zu können. Nachdem er diesem Ersuchen
zähneknirschend zugestimmt hatte, sollte er nun auch noch aus der Kirche
austreten. Darüber sehr erbost, entgegnete er ihnen: sie könnten
sämtliche Akten sofort mitnehmen, er wolle dann sein Amt auf der Stelle
niederlegen, das ginge nun entschieden zu weit. Seit
diesem Zwischenfall hatte er seine Ruhe vor den Funktionären denn er
führte sein Amt sehr gewissenhaft als Bürgermeister - nicht als
Parteimitglied und fühlte sich immer als legitim
gewählter Volksvertreter. Im offiziellen Schriftverkehr verweigerte er
die Unterschrift mit "Heil Hitler". Mehr Opposition war
wahrscheinlich auch gar nicht möglich. Im Krieg musste er die
zugewiesenen Gefangenen verwalten und ihnen auch minimalen Lohn auszahlen.
Gab es Streit mit oder unter Gefangenen, wirkte er stets beschwichtigend
und ausgleichend. Keiner, der ihm so unterstellten hat jemals etwas
böses über ihn sagen können. Bei Kriegsende im April 1945 wurde er vom
Englischen Militär mit einem Panzer und vorgehaltener Maschinenpistole
von Zuhause zum Verhör abgeholt. Wilhelm Sprengel war eine Woche in Mandelsloh
eingekerkert bevor er unter Tieffliegerangriffen bei großer Lebensgefahr zu Fuß
wieder nach Hause kam. Am 11. August 1945 wurde er als Bürgermeister
abgesetzt. 1949 wurde er in einem Entnazifizierungsverfahren
frei gesprochen. Das Revisionsverfahren des Staatsanwalts wurde später
zurückgezogen - man wollte ihm das passive Wahlrecht entziehen. Bis zum
Abschluss des Verfahrens verweigerte man ihm jegliche Ausweispapiere.
Aus der Fülle seiner Akten - ich habe das Gefühl, dass er nicht
einmal eine Quittung weggeworfen hat - bin ich heute in der Lage,
detailliert über viele Dinge aus der Vergangenheit zu schreiben.
Neben seinem Beruf als Landwirt und seinem Amt als Bürgermeister hatte
er noch etliche Ehrenämter. So war er "Ortslandwirt", im Dritten Reich nannte
man das Ortsbauernführer, lange Jahre war er auch Vorsitzender der
Jagdgenossenschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte er bis ins hohe Alter
dem Kirchenvorstand an. Ich erinnere mich, dass ich als Kind immer die
Kollekte mitzählen musste. Die Abrechnung wurde mit Bleistift auf den Rand der Tageszeitung
geschrieben um nicht unnötig Papier zu vergeuden. Ebenfalls führte er Bücher
über naturkundliche Beobachtungen wie Wetter, Temperaturen, Beginn der
Blüte oder des Wachstums von Pflanzen, das Erscheinen von Singvögeln und den wöchentlichen
Wasserstand der Beeke. Diesen mussten oft wir Großkinder an einem Pegel
kurz vor Plumhof ablesen.
Nach Kriegsende fuhr er mit dem Pferdefuhrwerk nach Hannover und holte
brauchbare Ziegelsteine aus dem Bombenschutt. Damit wurde die Scheune an
der Hohenheider Straße aufgestockt. 1953 übergab er den Cassens Hof an
seine Tochter Elfriede und seinen Schwiegersohn Otto Hemme. Vor der Übergabe
kaufte er noch den ersten Traktor - einen 18 PS Güldner - für den Hof.
Von der Feldarbeit zog er sich nun weitgehend zurück und überließ
diesen Bereich den jungen Leuten. Er fuhr nun meistens in den Wald um
Holz für die Winterbeheizung zu hauen oder um "Stras" zu machen, dabei
wurde das Moos aus dem Wald geholt, um damit im Winter die Rinder
einzustreuen denn Stroh war noch immer knapp. Im Alter von 82 Jahren fiel
er auf dem nach Hause Weg von so einem Srasfuder und brach sich einen Arm.
Dieser wuchs ebenso noch wieder zusammen wie die klaffende Wunde, die er
sich mit der Axt beim Holzhauen am Schienenbein ein Jahr zuvor zugezogen
hatte.
Um als Altenteiler nicht nur auf die minimale Rente angewiesen zu sein,
suchte er in den fünfziger Jahren nach einem neuen Nebenverdienst. Als
Vertreter für Versicherungen fuhr er oft mit mir auf seinem Fahrrad bis
nach Bissendorf Wietze um Versicherungsbeiträge "bar" zu kassieren, wie es
damals üblich war. Noch mit über 80 war er so mit dem Fahrrad zu seinen
Kunden unterwegs.
Wir Großkinder lernten unseren Opa immer als gütigen Menschen kennen.
An dunklen Winterabenden erzählte er uns oft Grimms Märchen aus dem
Kopf. Manchmal, wenn er keine langen Geschichten erzählen mochte sprach
er selbst erfundene kurze Anekdoten, über die wir zwar auch schmunzeln
mussten aber viel lieber hätten wir ihm stundenlang zugehört, wie er
Märchen erzählte. Dazu muss
man wissen, dass wir noch in einer Zeit ohne Fernsehen groß geworden
sind.
Im Alter von 90 Jahren starb er am 01.04.1972 nach einem langen
erfüllten Leben mit zwei Weltkriegen, Inflation, Währungsreform,
mehreren Aufbaugenerationen und
Wirtschaftswunder. Sicher lässt ihn sein Wirken in der Elzer
Dorfgeschichte heute als besondere Persönlichkeit erscheinen.
Ein Bild von Cassens Hof finden Sie hier: Cassenshof
Zur Familienchronik geht es hier: Familiengeschichte
Castens altes Niedersachsenhaus steht hier: Kothoefe
Über alle Bürgermeister und die "Ausschüsse" : Gemeindevorsteher
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