Wilhelm Sprengel

  • 700 Jahre von Elsenhusen bis Elze

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  • Ein Elzer Leben vom Kaiserreich bis zum Wirtschaftswunder (1881 - 1972)

von Otto Hemme

 
Mein Großvater Wilhelm Sprengel wurde zu Kaisers Zeiten als Sohn von Heinrich Wilhelm Sprengel und Sophie Emma geb. Kohne am 23.09.1881 auf Cassens Hof in Elze geboren. Am 28. März 1896 wurde er vom Lehrer G. Lampe aus der Elzer Dorfschule entlassen.

Als der Sohn um die Jahrhundertwende zum Militärdienst musste, waren die Eltern immer noch Anhänger des verlorengegangenen Königreichs Hannover. Der "Hornist Gefreite" Sprengel jedoch wurde bald kaiserlicher Patriot. Immer wieder berichtete er mir begeistert von seiner Einberufung als Reservist zum Kaisermanöver 1906. Zum Ersten Weltkrieg wurde er dann nicht mehr einberufen, weil er auf dem elterlichen Hof unabkömmlich war.

Als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Elze ist er auf dem ältesten Gruppenbild von 1902 mit seinem Horn unter den Spielmannzug Leuten zu sehen. Da es noch keine Elektrizität und somit keine Sirenen gab, fuhr er immer bei Feueralarm mit dem Fahrrad und seinem Horn durchs Dorf und blies Alarm. Als 1921 dann endlich elektrischer Strom nach Elze kam, wurde einige Jahre später die erste Sirene auf einem Transformator in der Bruchstraße gegenüber Reichenbachs montiert. Der Schalter zum Alarmauslösen befand sich selbstverständlich in Sprengels Stube.

Der Hof war nicht groß genug, um zwei Generationen satt zu füttern, daher suchte sich Wilhelm einen Nebendienst bei der Lohndrescherei Bruns hier in Elze. Bis nach Bremen fuhren sie zum Dreschen. Jede verdiente Mark steckte er in den Betrieb indem er unter anderem immer wieder Land hinzukaufte.

Am 20.04.1922 heiratete er Sina Frieda Vortmüller, Tochter des Maurermeisters Wilhelm August Vortmüller und seiner Ehefrau Wilhelmine. Die einzige Tochter Elfriede wurde am 05.05.1923 geboren. Der Maurermeister überwachte dann 1933 als Rentner den Neubau des Wohnhauses in der Hohenheider Str. 4

Wilhelm Sprengel muss wohl ein angesehener Elzer Bürger gewesen sein, als er 1933 demokratisch zum Bürgermeister von Elze gewählt wurde, nachdem er schon seit 1919 Mitglied des Gemeinde - Ausschusses und später Gemeinde - Rechnungsführer war. Nach der Amtsübernahme traten die neuen "Gaufunktionäre" bald an ihn heran und eröffneten ihm, dass er in die NSDAP eintreten müsse, um sein Amt als Bürgermeister weiter ausüben zu können. Nachdem er diesem Ersuchen zähneknirschend zugestimmt hatte, sollte er nun auch noch aus der Kirche austreten. Darüber sehr erbost, entgegnete er ihnen: sie könnten sämtliche Akten sofort mitnehmen, er wolle dann sein Amt auf der Stelle niederlegen, das ginge nun entschieden zu weit. Seit diesem Zwischenfall hatte er seine Ruhe vor den Funktionären denn er führte sein Amt sehr gewissenhaft als Bürgermeister - nicht als Parteimitglied und fühlte sich immer als legitim gewählter Volksvertreter. Im offiziellen Schriftverkehr verweigerte er die Unterschrift mit "Heil Hitler". Mehr Opposition war wahrscheinlich auch gar nicht möglich. Im Krieg musste er die zugewiesenen Gefangenen verwalten und ihnen auch minimalen Lohn auszahlen. Gab es Streit mit oder unter Gefangenen, wirkte er stets beschwichtigend und ausgleichend. Keiner, der ihm so unterstellten hat jemals etwas böses über ihn sagen können. Bei Kriegsende im April 1945 wurde er vom Englischen Militär mit einem Panzer und vorgehaltener Maschinenpistole von Zuhause zum Verhör abgeholt. Wilhelm Sprengel war einige Tage in Mandelsloh eingekerkert bevor er unter Tieffliegerangriffen bei großer Lebensgefahr zu Fuß wieder nach Hause kam. Am 11. August 1945 wurde er als Bürgermeister abgesetzt. 1949 wurde er in einem Entnazifizierungsverfahren frei gesprochen. Das Revisionsverfahren des Staatsanwalts wurde später zurückgezogen - man wollte ihm das passive Wahlrecht entziehen. Bis zum Abschluss des Verfahrens verweigerte man ihm jegliche Ausweispapiere.

Aus der Fülle seiner Akten - ich habe das Gefühl, dass er nicht einmal eine Quittung weggeworfen hat - bin ich heute in der Lage, detailliert über viele Dinge aus der Vergangenheit zu schreiben.

Neben seinem Beruf als Landwirt und seinem Amt als Bürgermeister hatte er noch etliche Ehrenämter. So war er "Ortslandwirt", im Dritten Reich nannte man das Ortsbauernführer, lange Jahre war er auch Vorsitzender der Jagdgenossenschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte  er bis ins hohe Alter dem Kirchenvorstand an. Ich erinnere mich, dass ich als Kind immer die Kollekte mitzählen musste. Die Abrechnung wurde mit Bleistift auf den Rand der Tageszeitung geschrieben um nicht unnötig Papier zu vergeuden. Ebenfalls führte er Bücher über naturkundliche Beobachtungen wie Wetter, Temperaturen, Beginn der Blüte oder des Wachstums von Pflanzen, das Erscheinen von Singvögeln und den wöchentlichen Wasserstand der Beeke. Diesen mussten oft wir Großkinder an einem Pegel kurz vor Plumhof ablesen.

Nach Kriegsende fuhr er mit dem Pferdefuhrwerk nach Hannover und holte brauchbare Ziegelsteine aus dem Bombenschutt. Damit wurde die Scheune an der Hohenheider Straße aufgestockt. 1953 übergab er den Cassens Hof an seine Tochter Elfriede und seinen Schwiegersohn Otto Hemme. Vor der Übergabe kaufte er noch den ersten Traktor - einen 18 PS Güldner - für den Hof. Von der Feldarbeit zog er sich nun weitgehend zurück und überließ diesen Bereich den jungen Leuten. Er fuhr nun meistens in den Wald um Holz für die Winterbeheizung zu hauen oder um "Stras" zu machen, dabei wurde das Moos aus dem Wald geholt, um damit im Winter die Rinder einzustreuen denn Stroh war noch immer knapp. Im Alter von 82 Jahren fiel er auf dem nach Hause Weg von so einem Srasfuder und brach sich einen Arm. Dieser wuchs ebenso noch wieder zusammen wie die klaffende Wunde, die er sich mit der Axt beim Holzhauen am Schienenbein ein Jahr zuvor zugezogen hatte.

Um als Altenteiler nicht nur auf die minimale Rente angewiesen zu sein, suchte er in den fünfziger Jahren nach einem neuen Nebenverdienst. Als Vertreter für Versicherungen fuhr er oft mit mir auf seinem Fahrrad bis nach Bissendorf Wietze um Versicherungsbeiträge "bar" zu kassieren, wie es damals üblich war. Noch mit über 80 war er so mit dem Fahrrad zu seinen Kunden unterwegs.

Wir Großkinder lernten unseren Opa immer als gütigen Menschen kennen. An dunklen Winterabenden erzählte er uns oft Grimms Märchen aus dem Kopf. Manchmal, wenn er keine langen Geschichten erzählen mochte sprach er selbst erfundene kurze Anekdoten, über die wir zwar auch schmunzeln mussten aber viel lieber hätten wir ihm stundenlang zugehört, wie er Märchen erzählte. Dazu muss man wissen, dass wir noch in einer Zeit ohne Fernsehen groß geworden sind. 

Im Alter von 90 Jahren starb er am 01.04.1972 nach einem langen erfüllten Leben mit zwei Weltkriegen, Inflation, Währungsreform, mehreren Aufbaugenerationen und Wirtschaftswunder. Sicher lässt ihn sein Wirken in der Elzer Dorfgeschichte heute als besondere Persönlichkeit erscheinen.

Ein Bild von Cassens Hof finden Sie hier:  Cassenshof 

Zur Familienchronik geht es hier: Familiengeschichte

Castens altes Niedersachsenhaus steht hier: Kothoefe

Über alle Bürgermeister und die "Ausschüsse" : Gemeindevorsteher

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